16.4.2008: Bettina Grimm, ProGasLicht:
Quo vadis? Gasbeleuchtung - Ein Plädoyer
Gerade noch etwa 20 deutsche Städte besitzen im Jahr 2006 eine aufgrund ihrer Anzahl nennenswerte gasbetriebene Straßenbeleuchtung. Hinzu kommen verschiedene Kommunen mit zahlenmäßig kleinen Anlagen,
z.B. beschränkt auf bestimmte Ortsteile bzw. Stadtviertel, herausragende Straßen und Plätze, oder gar mit Einzelstücken. Leider gingen und gehen auch zur Zeit einige Städte verloren, so z.B. Essen und Mainz.
Insbesondere für Mainz bedeutet das Aus für die noch vor wenigen Jahren über 3.000 Gaslaternen ein überaus herber Verlust für das Stadtbild, waren sie dort doch flächendeckend vertreten und prägten die Stadt am Rhein
über viele Jahrzehnte.
Vielleicht wäre die Entscheidung, die Gasleuchten abzuschaffen, anders ausgefallen, hätte man auf die
inzwischen hochtechnologische Entwicklung bei den Schaltgeräten für gasbetriebene Straßenleuchten gesetzt. Der innovative Fortschritt auf diesem Gebiet, dessen Ursprung - wie könnte es anders sein - in der
„Gaslaternenhauptstadt" Berlin liegt, macht nun vieles möglich, was vor einiger Zeit noch kaum denkbar gewesen wäre. Die „goldenen 20er Jahre" und die „Einheitsgaslaterne" Die hohe Zeit der Gaslaternen lag vor allem in den 20er und 30er Jahren, so ziemlich jede größere Stadt besaß
eine gasbetriebene Straßenbeleuchtungsanlage. Zwar nahm die enorme Artenvielfalt bei den Gasleuchten ab,
insbesondere als der Gedanke aufkam, eine „reichseinheitliche Gasleuchte" zu entwickeln. Trotzdem konnten
viele verschiedene Typen auch über den zweiten Weltkrieg hinaus herübergerettet werden. Sie verrichteten weiterhin ihre Dienste in der Nachkriegszeit bis tief in die 60er Jahre hinein. Erst der zunehmende motorisierte
Kraftfahrzeugverkehr und die damit einhergehende Philosophie der autogerechten Stadt führten zu einer ernsthaften Bedrohung der jahrzehntelang für ausreichend befundenen Gasbeleuchtung. Plötzlich galten die
Gaslaternen als veraltete Technik, man sprach despektierlich von „Gasfunzeln", störanfällig, wartungsintensiv und den lichttechnischen Anforderungen an eine moderne Stadt nicht mehr gerecht werdend.
Die „autogerechte Stadt" kommt Der grassierende Zeitgeist der 60er Jahre tat ein Übriges, es galt als modern und schick, den Zeugen früherer
Epochen den Garaus zu machen. So fielen zahlreiche Baudenkmäler der Abrissbirne oder den Sprengkommandos zum Opfer, breite Betonpisten wurden durch vormals kleinteilige Stadtquartiere geschlagen,
sogenanntes Stadtmobiliar wie Straßenlampen, Pumpen, Masten, Wartehallen oder Toilettenhäuschen wanderten auf den Schrott. Denkmalschutz wurde in dieser Zeit eher klein geschrieben, nach heutigen
Maßstäben war der Verlust an historischer Substanz erheblich.
Die Ende der 60er Jahre beginnende Einführung des Erdgases in Deutschland unter Aufgabe der
Eigenherstellung des sogenannten „Stadtgases" durch kommunale Gaswerke kam den „Stadterneuerern" gerade recht, um den Boden für die Entfernung der Gasbeleuchtung zu bereiten. Man argumentierte, dass die alten
Leuchten entweder nicht auf Erdgas umzurüsten seien, oder alternativ, dass es zu teuer sei.
Machte es vielleicht noch Sinn, stark befahrene Straßen umzurüsten, um bessere Lichtverhältnisse zu schaffen,
so konnte die Ausrüstung kleiner Wohnnebenstraßen mit überdimensionierten, meterhohen und viel zu grellen Elektroleuchten wahrlich nicht die Lösung sein. Doch nennenswerten Widerstand gegen derartige Vorhaben
gab es vielerorts nicht, und so bekamen selbst kleine Straßen und Plätze häufig die Beleuchtung eines Autobahnzubringers. Meterhohe Stiele mit Langfeld-Leuchten (im Volksmund: „Neonröhren") oder Lampen in
Form übergroßer kopfstehender Butterdosen „schmückten" Altstadtquartiere ebenso wie kleinstädtische Anliegerstraßen mit Einfamilienhäusern.
Die „Nostalgiewelle" und die Rückbesinnung auf Altbewährtes Mit dem Beginn der „Nostalgiewelle" gegen Ende der 70er Jahre kam sodann der Wunsch auf, Städte mit
„historischem" oder „historisierendem" Interieur auszustatten. Auch Straßenleuchten sollten sich nun ihrer gewachsenen Umgebung anpassen und ein entsprechendes Ensemble mit der baulichen Umgebung bilden. So
kam es, dass in vielen Orten Leuchten nach alten Modellen nachgebaut und aufgestellt worden sind, allerdings galt dies nicht für den Leuchtkörper an sich. Hier setzte und setzt man nach wie vor auf ein elektrisches
Innenleben. Es ist zu vermuten, dass dies bis heute meist aus Unkenntnis über die Gasbeleuchtungstechnik und einer gewissen „Scheu" davor geschieht. Die Rückbesinnung auf traditionelle Leuchtkörper war daher nur
halbherzig, weil man dachte, es sei mit einem „historischen Lampengehäuse" getan.
Besonders grotesk wurde es dann, wenn man jahrzehntelang intakte Gasleuchten, die auch noch viele weitere
Jahre ihren Dienst hätten versehen können, in alten Stadtkernen gegen nostalgisch nachempfundene, aber „billig" wirkende Straßenlaternen ersetzte. Diese Art von Leuchten zeichnen sich z.B. durch ein mattweißes
(Sparlampe, Leuchtstoff, Quecksilberdampfhochdruck) oder braunoranges (Natriumdampfhochdruck) Licht aus, das häufig aus einer Leuchte mit undurchsichtig-milchigen Scheiben oder Glocken heraustritt. Spätestens in
der Dunkelheit hatten und haben derartige Leuchten nichts mehr mit ihrer - möglicherweise historischen - Umgebung gemein. Hier ist eindeutig das falsche Licht am falschen Platz.
Gefahr für die Gaslaterne Lange Zeit hatten die „gemütlichen Gaslaternen" schlichtweg keine Lobby. Besonders augenfällig zeigte sich das
in verschieden Kommunen, die „ihre Gasleuchten" einfach vernachlässigten. Das regelmäßige Putzen der Glasglocken wurde eingespart, Glühkörper nach dem Abbrennen nicht ausgetauscht. Die Laternen
verschmutzen immer mehr. Investitionen fanden nicht statt. Das Licht in den Straßen wurde trüber und trüber,
und die Beschwerden der Anwohner häuften sich. „Böse Zungen" behaupteten in solchen Fällen häufig, die
betroffenen Städte ließen die Gaslaternen mit Absicht „verrotten", um die Elektrifizierung der Straßen und die
Demontage der Gaslaternen besser begründen zu können. Es geht aber auch anders. Einige Städte pflegen und warten ihre Gasleuchten vorbildlich. In Straßen mit nur wenigen Laternen in relativ weiten Abständen werden
zusätzliche Gasleuchten dazugestellt, es wird sozusagen „verdichtet". Die Helligkeit reicht völlig aus und die Bürger können sich am goldgelben Licht erfreuen.
Gefahr scheint den Gaslaternen aber auch dann zu drohen, wenn wie häufig geschehen örtlich zuständige Energieversorger für Strom wie für Gas zu einem Unternehmen zusammengelegt werden. In solch einem Betrieb
sind die Verantwortlichen für die Gasstraßenbeleuchtung den „Elektrikern" hoffnungslos unterlegen. Darüberhinaus weckt eine vorhandene Gasbeleuchtung durchaus Begehrlichkeiten. Die Mitarbeiter des
Bereichs Strom sind schnell mit ihrer Idee dabei, Gaslaternen durch elektrische Leuchten zu ersetzen. Dies gilt
vor allem auch, wenn die Straßenbeleuchtung privatisiert wird und ein privates Unternehmen für die öffentliche
Beleuchtung verantwortlich ist. Auf kulturhistorische Befindlichkeiten wird dann keinerlei Rücksicht genommen.
Gar nicht nachvollziehbar ist es, wenn zwar von verantwortlicher Seite fehlende Investitionen in die vorhandene
Gasbeleuchtung mit den leeren öffentlichen Kassen begründet wird. Gleichzeitig werden aber weder Kosten noch Mühen gescheut, für beispielsweise ausgesuchte Stadtbereiche kostspielige elektrische
„Designer-Leuchten" aufzustellen. Hier wird offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen. Für den vorhandenen Bestand an Gasleuchten ist die Anschaffung jedes noch so kleinen Ersatzteiles ausführlich zu begründen,
während es scheinbar keine Probleme bereitet, teure Elektroleuchten anzuschaffen. Die ganz kleine „Renaissance" der Gaslaterne
Mancherorts haben Verantwortliche - trotz Zeiten knapper öffentlicher Kassen - erkannt, dass der Erhalt und die Pflege, aber auch die Neuanlage von Gasleuchten eine hervorragende Möglichkeit bietet, Stadtbildpflege zu
betreiben und eine behagliche Atmosphäre zu schaffen. Einige deutsche Städte wie Backnang (1987), Friedrichroda (1995), Rostock (2003), Jena (2004) und Rathenow (2005) führten Gaslaternen neu ein. Auch
im benachbarten Ausland (Schaffhausen/Schweiz oder Prag/Tschechien) feiert die Gasbeleuchtung ihre Rückkehr. Dies findet in der Regel erheblichen Anklang in der Bevölkerung. Es wäre zu wünschen, wenn
diesen Beispielen weitere Städte folgen würden. Auf die technischen Vorteile und Raffinessen der Gasbeleuchtung werde ich noch kommen. Abgesehen von der
Tatsache, dass den einheimischen Bewohnern ein attraktives Licht zuteil wird, können mit der (Neu-)Installation
von Gasleuchten auch touristische Wünsche in außerordentlicher Weise befriedigt werden. Der Effekt eines mit Sehenswürdigkeiten gespickten Altstadtviertels einschließlich baulich angepasster Straßen, Gassen und Plätze
mit Brunnen, Bänken und anderen Stadtmöbeln sowie einer funktionierenden Gasstraßenbeleuchtung mit ihrem goldgelb funkelnden Licht sollte nicht unterschätzt werden. Neue Möglichkeiten
Die in den letzten Jahren in Berlin entwickelten technischen Raffinessen bringen einen neuen Schub für die Gasleuchten. So ist es nunmehr möglich, Wartungskosten im Vergleich zu früheren Jahren ganz erheblich zu
verringern, Sonderabfall zu minimieren, z.B. durch den Wegfall kostenintensiver Batterien, und so ganz nebenbei Möglichkeiten zu bieten, die es für den Bereich elektrisch betriebener Straßenbeleuchtung bisher noch
gar nicht gibt. Bei E-Leuchten entstehen zum Beispiel bei der Entsorgung von Quecksilber- und Natriumdampfhochdrucklampen stark belastete und giftige Rückstände, die kostspielig recyclet werden müssen.
Das Neueste auf dem Gebiet der Gasbeleuchtungstechnik, der Einsatz kleiner Solarzellen, die anstelle von Batterien das Schaltgerät, welches den Zündfunken auslöst, steuern, trägt dem Umweltgedanken Rechnung.
Jede Gasleuchte funktioniert individuell, das heißt, der Umgebung angepasst. Ist es in einer Straße an manchen Stellen etwas früher dunkel, z.B. durch verschattende Bäume oder Häuser, so wird der Zündmechanismus
ausgelöst. Sie zündet selbständig ab einem gewissen Grad der Dunkelheit oder Dämmerung und ist damit eine „intelligente" Leuchte.
Hinzu kommt, dass sich dieser Zündvorgang, falls es mal zu Komplikationen kommt, nach einer relativ kurzen Zeit wiederholt. Außerdem vermag es das Schaltgerät, im übrigen nichts anderes als ein „programmierter
Minicomputer", die Helligkeit der Laterne zu steuern, gegebenenfalls abzusenken oder hochzufahren („dimmen")
oder mittels Zeitschaltung unabhängig vom Grad der Dämmerung an- oder auszuschalten. Und als besonderer
„Clou" ist festzustellen, dass sich die an der Leuchte befestigte Solarzelle in Form einer kleinen rechteckigen
Platte notfalls durch das eigene Licht der Gaslaternen selbst aufladen kann, sollte die „gute alte Sonne" einmal
nicht ausreichen, wobei dieser Fall aber kaum eintritt. Fürwahr, eine derartige technische Möglichkeit besteht bei den zentral ein- und ausgeschalteten Elektroleuchten nicht.
Die Kosten für ein derartiges Schaltgerät darf man durchaus als moderat bezeichnen, ein weiteres Plus ist die
mindestens 3-4 mal längere Standfestigkeit und somit „Haltbarkeit" von Leuchten und Kandelabern. Lediglich die Glühkörper müssen nach einer bestimmten Zeit gewechselt werden, sie sind aber inzwischen günstiger zu
haben als früher, weil der Produktionsstandort nach Asien verlagert worden ist. Kurzzeitig galten die Gasleuchten als generell gefährdet, als die Glühkörperproduktion in Deutschland eingestellt wurde. Die
Herstellung erfolgt nunmehr in Indien, ein überregional bekanntes Unternehmen für Leuchten und Stadtmobiliar in der Nähe von Frankfurt am Main hat europaweit den Vertrieb übernommen.
Gaslicht ist umweltfreundlich und ungefährlich Auch das häufig ins Feld geführte Argument, dass die Rückstände verbrannter Glühkörper radioaktiv belastet
sind, relativiert sich, wenn man weiß, dass eine Person schon ein Vollbad mit Tausenden dieser Glühkörper nehmen müsste, um gesundheitliche Schädigungen zu befürchten. Nach Berechnungen des Bundesamtes für
Strahlenschutz ist die Strahlungsaktivität von einem Kilogramm Kaffee deutlich höher (1000 Bequerel) als die eines Glühkörpers (750 Bequerel).
Aus heutiger Sicht darf festgestellt werden, dass die Gasbeleuchtung die elektrische Konkurrenz eingeholt hat, und dies, obwohl praktisch jahrzehntelang nichts mehr in die Weiterentwicklung bei der Gasbeleuchtung
investiert worden war. Noch vor wenigen Jahren galt die Entwicklung der Gasbeleuchtungstechnik als seit den 50er Jahren nahezu abgeschlossen, sieht man einmal davon ab, dass die speziellen Schaltgeräte
(Dämmerungsschalter) verbessert worden sind.
Um nochmals auf das Thema Umweltfreundlichkeit zu kommen, sei angemerkt, dass das blendfreie Gaslicht -
jeder kann problemlos hineinschauen - auch für Insekten und andere Kleinstlebewesen äußerst freundlich ist. Elektrisch betriebene Leuchten gelten aber als Todesfallen für diese Tiere. Und zum Schluss ist zu erwähnen,
dass die Gaslaternen aufgrund des Verbrennungsvorgangs natürlich Kohlendioxid ausstoßen. Gleichwohl liegt dieser CO²-Ausstoß in Berlin bei Berücksichtigung des gesamten Kohlendioxidausstoßes bei lediglich
verschwindend geringen 0,17 %. Den Löwenanteil halten nach der vorgelegten Energiebilanz 2000 des Berliner Senats für Wirtschaft-, Arbeit und Frauen die Berliner Haushalte mit einem Anteil von 65,94 %, gefolgt vom
Verkehr mit 22,86 % und der Industrie mit 11,03 %. Gasleuchten als städtebauliche Bereicherung Die vorgetragenen Argumente sprechen doch eine eindeutige Sprache. Die althergebrachte
Gasstraßenbeleuchtung hat nach Jahrzehnten eines eher tristen und wenig zukunftsträchtigen Daseins einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Technisch ist sie der elektrischen Konkurrenz inzwischen durchaus
ebenbürtig, man kann fast sagen, sogar einen kleinen Schritt voraus. Die in der Vergangenheit häufig vorgebrachten betriebs- und verkehrstechnischen sowie wirtschaftlichen Gesichtspunkte gegen die
Gasbeleuchtung können so nicht mehr aufrecht erhalten werden. Dafür werden jetzt aber andere Akzente immer bedeutender, so zum Beispiel in denkmalpflegerischer oder stadtbildprägender Hinsicht.
Es scheint so zu sein, dass die Abschaffung der beliebten Gaslaternen als kulturhistorischer Verlust begriffen wird, sieht man einmal von bestimmten Negativ-Beispielen, nämlich den Städten, die ihre Gasleuchten
sukzessive abschaffen, ab. Aus Gründen des Denkmalschutzes würde die Entfernung handwerklich und gestalterisch herausragender Anlagenteile wie Gussmaste, Wandarme oder Beleuchtungskörper einen enormen
kulturhistorischen Verlust für eine Stadt bedeuten. Wo gibt es das schließlich noch, dass eine technische Anlage
mit Standards, die nicht nur den heutigen Ansprüchen genügen, sondern sich innovativ sogar weiterentwickelt haben, Bestandteile aufweist, die weit über 100 Jahre alt sind wie beispielsweise gusseiserne Kandelaber. Dies
allein zeigt schon, dass die Leuchten und Kandelaber in gewisser Weise, wenn schon nicht „für die Ewigkeit", dann aber für etliche Jahrzehnte - hergestellt worden sind.
Anderenfalls sollte nicht übersehen werden, dass eine gasbetriebene Stadtbeleuchtung gerade für Altstadt- oder Wohnquartiere zu einem positiven Image führt und mit ihrem besonderen Reiz auch einen touristischen
Anziehungspunkt darstellt. Die Straßenbeleuchtung wird heute nicht nur unter licht- und verkehrstechnischen Aspekten gesehen, sondern es spielen auch stadtbildprägende und gestalterische Gründe eine wichtige Rolle.
Straßen und Plätze werden als Erlebnisraum betrachtet, sie bilden zusammen mit Straßenleuchten und anderem Interieur ein Gesamtensemble.
Das für unser Auge so angenehme Gaslicht setzt positive städtebauliche Akzente. Die Gasleuchten erfüllten die lichttechnischen Anforderungen der früheren DIN-Norm 5044 und somit auch den heutigen EU-Normen und
eignen sich bestens für die Beleuchtung von Wohnstraßen, Plätzen oder Parks.
Es wäre zu wünschen, wenn nach Abwägung aller Argumente der Gasbeleuchtung in Deutschland und
anderswo auch weiterhin ein Platz eingeräumt wird. Bettina Grimm |
15.4.2008: Markus Jurziczek, Webautor verschiedener stadthistorischer Veröffentlichungen
Licht ist Leben
Was ist uns das besondere Licht wert? Welche Ansprüche stellen wir an das Licht? Was bedeutet für uns Licht?
Einige Berliner sagen, es sei ihnen egal, welche Laternen den Straßenraum erleuchten. Wohl, weil sie die Beleuchtung bisher als gegeben hinnahmen und sich keine Gedanken zum Thema machten. Licht ist ein weites
Themenfeld, welches zu Beleuchten hier kaum möglich ist.
Die Menschen auf der nördlichen Erdkugel erleben eine lange Zeit mit wenigen, natürlichen Lichtstunden am
Tag. Im tiefen Winter erleuchten uns hierzulande kaum 8 Sonnenstunden, die Straßenbeleuchtung in den Städten begleitet uns über den Tag. Auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück, beim Einkauf und auch bei
Spaziergängen. Ein Jeder erinnert sich gerne an die weihnachtliche Beleuchtung, die uns den Tag auch in den dunklen Zeiten bunt und warm erleuchtet. An den Fenstern leuchten im Winter Kerzen und elektrische
Lichtspiele, wir versuchen uns die dunkle Jahreszeit künstlich aufzuhellen. Gezielt wählen wir warmes Licht aus,
da dieses Behaglichkeit, Wärme und Geborgenheit vermittelt. Licht bedeutet für uns Leben. In der lichtarmen Jahreszeit versuchen wir unsere Stadt durch künstliches Licht angenehm zu erhellen. Das ist nicht nur aus
Gründen der Verkehrssicherheit notwendig, auch das menschliche Gemüt sucht erleuchtete Straßen mit warmen Lichttönen. Weit im Norden der Erdkugel liegende Regionen belegen die Problematik von massiv auftretenden
Depressionen bei der Bevölkerung. Licht ist nicht nur Zweck zum Sehen und gesehen werden. Licht ist lebensnotwendig.
Wieviel sind wir bereit, für angenehmes Gaslicht in Wohnstraßen auszugeben? Was darf uns angenehmes Licht kosten? Ist Gaslicht Luxus? Sicher nicht. Ansprechende Straßenräume heben die Lebensqualität und sorgen für
ein ansprechendes Erscheinungsbild und laden zum Nutzen des Stadtraumes durch die Anwohner ein. Dazu gehört das Stadtmobiliar wie Laternen, Bänke, Wasserpumpen aber auch Grünflächen und Straßenbäume
gleichermaßen. Würden wir die Unterhaltskosten des Stadtraumes in Frage stellen, und den Rotstift an den Bäumen (sie zu Fällen führt zu enormen Einsparungen in der Stadtkasse) gleichermaßen der Laternen ansetzen,
blieben uns anonyme, kahle Wohnstraßen ohne jeglichen Reiz.
Wir Stadtmenschen erfreuen uns in Zeiten rascher Veränderungen auch Beständiges zu entdecken, gerne auch
eine 180 Jahre alte Lichttechnik, die modernisiert keineswegs veraltet oder es notwendig macht sie zu entfernen. Die Gaslaternen in alten Stil der 30er oder auch 60er Jahre sind ebensoprägend, wie die
nachgebauten historischen Leuchten. Mit elektrischer Energie betrieben jedoch haben sie etwas Kitschiges. Wo alte Gaslaternen vorhanden sind, ist es aus finanzieller Sicht sinnvoller, diese zu behalten. Moderne
Gasleuchten stehen der elektrischen Leuchte in Leuchtkraft und Unterhaltskosten kaum nach. Auch für moderne Wohnsiedlungen und Privatstraßen gibt es ansprechende, moderne Entwicklungen. Die moderne
Gasleuchte hat so auch realistische Chancen in neu angelegten Wohnparks, nicht nur in Berlin.
Die Stadt Berlin hat mit seinen rund 44.000 Gaslaternen nicht nur ein wertvolles Industriedenkmal in der ganzen
Stadt verteilt, auch könnte es werbend für die Stadt gebraucht werden. Unter “Berlin by gaslight night” könnten Stadttouren zu Industriedenkmälern in der Nacht angeboten werden, auch Reiseführer sollten sich einem
Hinweis bei Stadtrundfahrten nicht schämen müssen, auf die Gaslaternenvielfalt hinzuweisen. Die touristische Vermarktung ist bisher in Berlin nicht verfolgt worden, das Gaslaternenmuseum in Berlin Tiergarten eher ein
schattendasein im Gaslicht..
Berlin sollte lernen, auf diese Laternen stolz zu sein, mit ihr zu werben anstatt sie mit zweifelhaften Berechnungen
vor das Aus zu stellen. Eine Senatsverwaltung, die mit falschen Zahlen und einem unrealistischen Umbauprogramm diese Berliner Spezialität binnen zwei Jahren beseitigen will, handelt gegen die Interessen der
Stadt und verkennt neue Chancen. Zudem ärgert mich die fehlende Bürgerbeteiligung bei der Umgestaltung des Straßenraumes. Die Stadtlandschaft gehört nicht der Berliner Verwaltung, nein, sie gehört den Berlinern. So soll
sie auch gestaltet werden wie der Anwohner und Nutzer der Straße gerne sehen möchte, nicht wie Verwaltungsabteilungen es sehen möchten. Markus Jurziczek |