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Die Berliner Gas-Reihenleuchte ist erhaltenswert! Die Berliner Reihenleuchte soll nach Willen der Senatsverwaltung verschwinden. Die Gelder in Höhe von 29,5 Mio. Euro sind nun zur Umrüstung beantragt worden. Uns fehlt das Verständnis, wieso eine funktionierende Beleuchtungsinstallation, die sich in einem sehr guten Gesamtzustand befindet, ausgetauscht werden soll. Wir werfen der Stadt Berlin nicht nur Geldverschwendung vor, auch die sinnlose Entfernung einer Beleuchtungstechnik, die aufgrund der Entwicklung in der Schalttechnik zu einer noch immer modernen und anspruchsvollen Beleuchtungsart gehört. Der Verein ProGaslicht fordert die Aufnahme der Berliner Gaslaternen in die Landes-denkmalschutzliste und ist bemüht auch deutschlandweit die Gasbeleuchtung unter Denkmalschutz zu stellen. Wenn Sie uns unterstützen möchten, melden Sie sich bei uns! Die Berliner Gas-Reihenleuchte: Designkunst der 50er Jahre Die Berliner Gas-Reihenleuchte ist ein markantes Element der Berliner Straßen. Noch vor 30 Jahren prägte sie zahlreiche Hauptstraßen im Westteil der Stadt. Zahlreiche Straßenerneuerungen waren jedoch Anlass, diese Beleuchtungsart zu entfernen. Heute ist die Gas-Reihenleuchte in Berlin überwiegend in Wohnsammelstraßen anzutreffen. Auf Hauptstraßen, wie dem Teltower Damm in Berlin-Zehlendorf oder der Stubenrauchstraße im Berliner Stadtteil Rudow ist sie nur noch selten zu sehen. Der Berliner Senat bereitet nun seit einigen Jahren den radikalen Rückbau der Gas-Reihenleuchte vor, er lässt sich das Vorhaben zunächst schätzungsweise rund 30 Mio. Euro kosten. Diese Summe ist Grund genug, die Gas-Reihenleuchte einmal genauer zu betrachten, und die einfache Frage zu stellen: „Warum?“ Entwicklung:
Mit der städtebaulichen Nachkriegs-Planung wurde in Berlin für die damals modernen Anforderungen
des Straßenverkehrs nach einer leistungsstarken Straßenbeleuchtung gesucht. Die elektrische Beleuchtung war noch nicht so weit entwickelt, um moderne breite Straßenzüge mit mehrstreifigen Fahrbahnen auszuleuchten. So wurden
mit der altbewährten Gasbeleuchtung speziell für diese Anforderungen entsprechende Beleuchtungsversuche vorgenommen. Entstanden ist die Gas-Reihenleuchte an einem gebogenen Mast, allgemein als Peitschenmast bezeichnet.
Der Peitschenmast ist bereits in den 30er Jahren entworfen worden (s. auch BAMAG-Katalogblatt oben, Sammlung Heckmann).
Am Mastende wurde der Leuchtenkopf angesetzt, was ihn in die Kategorie der „Ansatzleuchten“ einstuft. Anders als bei den bisher verwendeten Leuchten wurden die Lichtpunkte (Gasglühkörper) nicht kreisförmig unter dem
Reflektor gruppiert. Für die Ausleuchtung einer breiten Fahrbahn wurden die Lichtpunkte in einer nach vorne ansteigenden Reihe angeordnet (geschlossene Lichtleiste)
, um eine möglichst vorteilhafte Breit-strahlung zu erzielen. Diese grundsätzliche Änderung von kreis- auf reihenförmige Anordnung der Lichtpunkte gab dieser Leuchte den
Namen „Reihenleuchte“. Und sie erzeugte mit dem verwendeten Reflektor eine ideale ellipsenförmige Licht-verteilung.
Der noch heute für breite Stadtstraßen verwendete Peitschenmast ist eine Entwicklung der Gasbeleuchtungstechnik,
die von der elektrischen Beleuchtung später übernommen wurde, jedoch diese Form der Lichtverteilung nicht erreichte. Die noch immer moderne Beleuchtungstechnik erhielt das damals moderne tropfenförmige Gehäuse Die Reihenleuchte bewährte sich hervorragend auf mehrstreifigen Fahrbahnen, je nach Ausstattung der Peitschenmaste mit 4, 6 und 9-flammigen Leuchten-köpfen konnte man die Fahrbahnen nach ihrer Verkehrs-bedeutung und zulässiger Geschwindigkeit in den drei Lichtstufen ausstatten. Mit der Höhe der Lichtpunkte (LPH) von 6 bis 7,5 Metern und der Auslegerlänge 1,25 bis 2,15 Metern lassen sich die Fahrbahnbreiten auch je nach Beschaffenheit optimal ausleuchten. Mit der Breitstrahlung fällt der größte Teil der Lichtimmission auf die Fahrbahn, gleichzeitig werden aber auch die Gehwege beider Straßenseiten ausreichend aus-geleuchtet. In Straßen mit 6- und 4-flammigen Gas-Reihenleuchten wurden Bushaltestellen, Fußgängerüberwege oder Kreuzungsbereiche mit neunflammigen Leuchten aufgehellt. So ist bedarfsgerecht eine Verstärkung der Beleuchtung bei Verkehrsschwerpunkten möglich. Die Breitstrahlung der Reihenleuchten genügt auch heute noch den Anforderungen vieler Straßen, so dass es keinen Grund gibt, diese Leuchten auszumustern. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Reihenleuchten in einem ein- oder zweiseitigen Verband (auf einer Straßenseite oder beidseitig, ggf. versetzt) aufgestellt sind. Mit der Weiterentwicklung der Schalttechnik in den einzelnen Laternen lässt sich auch eine variabel einstellbare Nachtabsenkung realisieren, die in Berlin auch schon angewendet wird und bei der elektrischen Beleuchtung abgeschafft wurde.
Technische Schnittzeichnung einer 9-flammigen Gasreihenleuchte In den letzten 30 Jahren wurde die Gas-Reihenleuchte größtenteils von den Hauptverkehrsstraßen verbannt. Schnell war das Stichwort „Verkehrssicherheit“ erwähnt worden. Elektrische Leuchten seien heller und würden die Straßen „sicherer“ ausleuchten. Nun ist das auch stets eine Frage der Mastaufstellung. Sind die Maste nur im einseitigen Verband aufgestellt, verändert sich die Ausleuchtung der Gehwege durch elektrische Leuchten sogar nachteilig. Stehen Gasleuchten einseitig, so werden nach einer Umrüstung auch elektrische Leuchten nur einseitig positioniert (so zeigen es die aktuellen Beispiele in der Stadt). Zudem wurden auf vielen Berliner Hauptstraßen in den Abendstunden aus Gründen des Lärmschutzes oder ganztägig zur Hebung der Luftgüte Geschwindigkeitsbeschränkungen von Tempo 30 verhängt, heller ausgeleuchtete Fahrbahnen provozieren auch schnelleren Verkehr. Wozu nun heller ausgeleuchtete Wohnsammelstraßen in Tempo-30 Zonen? Genau dort aber ist die Gas-Reihenleuchte vorwiegend heute noch anzutreffen.Wozu nützt dann eine Ausleuchtung der Straßen mit Lux-Werten, wie sie für die Berliner Stadtautobahn erforderlich wären? Zu viel Licht, also mehr Licht zu erzeugen als erforderlich, bedeutet Lichtverschmutzung. Wie hell sollen also unsere Straßen beleuchtet werden? Wir denken doch, „ausreichend“ ist hier die richtige Antwort. Leuchtenform: Durch die durchgehende Lichtleiste ist dem Leuchtenkopf eine längliche Form vorgegeben. Im Stil der jungen 50er-Jahre weist die Leuchte eine Tropfenform auf. Später wurden Konsumgüter dieser Zeitepoche aufgrund eben dieser markanten Nieren- oder Tropfenform gerne als Produkte des „Nierentischzeitalters“ bezeichnet.Die Nierenform ist ein in vielen Bereichen vorherrschendes Designmerkmal der 1950er. Der Begriff „Nierentischzeitalter“ wird heute bisweilen als Synonym dieser Zeit verwendet. Ursache der Nierenform ist eine in sämtlichen Gesellschaftsbereichen durchlaufende Abkehr von den starren Formen des Nationalsozialismus. Sie äußerte sich zunächst im Bereich der Architektur, besonders kleine Pavillons, Treppen, Decken-verkleidungen usw. wichen von Symmetrie ab und nahmen Freiformen ein. Später wirkte sich dieses neue Denken auf sämtliche Konsumgüter aus. Nach ein paar Jahren, als der Wirtschaftsaufschwung klar machte, dass „man“ wieder jemand sei und die Schmach des Dritten Reiches überwunden zu sein schien, verschwanden Nierenformen recht schnell und Möbel näherten sich formell wieder dem schon vor dem Krieg existierenden Bauhaus, der Vorkriegsmoderne an. Berlin Grunewald, Bismarckallee: Neunflammige Reihenleuchten Obwohl ursprünglich für Berliner Straßen eine kantige Form vorgesehen war, konnte sich die einst für die Hansestadt Hamburg konzipierte Laternenform mit der Produktbezeichnung U13H der Firma BAMAG (Berlin-A nhaltische Maschinenfabrik AG) in Berlin durchsetzen. Zwei Gehäusegrößen wurden entwickelt, eine kleinere für die 4- und 6-flammige Ausstattung und eine größere Gehäuseform für die 9-flammige Version. Diese Reihenleuchte mit Leichtmetallgehäuse wurde schnell zu Tausenden hergestellt und prägte das westliche Berlin der Nachkriegszeit. In dieser Epoche gebaute Wohnviertel erhielten die dazu passende moderne Gasreihenleuchte, je nach Straßenbedeutung mit 4, 6 oder 9 Flammen. Der Höchststand wurde im Jahr 1969 mit 13.692 Reihenleuchten erreicht. So gehören zur Wohnbebauung der 50er und 60er Jahre auch die passenden Straßenleuchten, außerhalb dieser Wohngebiete können wir uns dieses Industriedesign noch heute erlauben. Die Berliner Reihenleuchte U13H fügt sich in Straßen mit historischer wie auch moderner Bebauung ein. Die Tropfenform passt sich der modernen Baukunst der letzten 80 Jahre an, sie verfängt sich nicht an kantigen Formen steifer Baustile. Diese neue Bauform gibt es bisher nur in der Gehäuse-größe für 6 Flammen, wird aber auch adaptiert mit 4 Flammen eingesetzt. Wir sind nicht grundsätzlich gegen diese moderne eckige Leuchtenform, jedoch wäre ein einheitliches Verwenden der Leuchtentypen wünschens-wert. Natürlich ist das so nicht umsetzbar. Bisweilen besteht die Notwendigkeit eines Leuchtenaustausches, sodass kantige Formen als Austauschleuchte gelegen-tlich zwischen den althergebrachten Tropfenformen sichtbar sind. Allerdings gibt es eine Reihe von Straßen mit ausschließlich kantigen Leuchten. Aber auch die eigentliche klassische Version U13H möchten wir wieder neu verwendet sehen. Zustand der Reihenleuchten: Die Beleuchtungs-installation der Berliner Gaslaternen ist insgesamt als gut bis sehr gut zu bezeichnen. Umfangreiche Schutzmaßnahmen im Sockelbereich der Maste wurden vorgenommen, um sie noch für viele Jahre standsicher zu halten. Die Lichttechnik ist gut entwickelt, und auch die Weiterentwicklung der Schalttechnik im Innern der Leuchte hat in den letzten Jahren gute Erfolge gezeigt. Aussicht der Reihenleuchten: Dem Betrieb der Berliner Reihenleuchte steht aus technischer Sicht keine Grenze entgegen. Die Haltbarkeit der Maste ist gegenüber der Elektrobeleuchtung üblicherweise länger, und als Ergebnis der guten Pflege der Beleuchtungsanlagen besteht hier auch kein Handlungsbedarf. Einzelne Maste werden immer mal getauscht werden müssen. Angesichts des Alters von mehr als 50 Jahren bei den Gasbeleuchtungsanlagen ist dieser Aufwand nicht allzu erwähnenswert. Die Berliner Reihenleuchten sind langfristig standsicher und bedürfen keiner großen Investitionen für den Weiterbetrieb.Die Weiterentwicklung der Schaltgeräte im Innern der Leuchten ermöglicht es sogar, eine variable Nacht-absenkung zu ermöglichen. Das bedeutet, dass beispielsweise in der verkehrsschwachen Zeit 3 Gas-glühkörper (Lichtpunkte) abgeschaltet werden können. Die Störungen konnten mit der fortschreitenden Entwicklung erheblich minimiert werden. Die Energie für die Schaltgeräte der Gasleuchten wird mittlerweile häufig aus Solarpaneelen bezogen, so ist ein Batteriewechsel auch nicht mehr erforderlich. Erhaltenswerte Straßenzüge mit Gas-Reihenleuchten: Der Verein ProGaslicht hat sich in der Vergangenheit Gedanken gemacht und eine 14-seitige Liste mit Berlins Gasreihenleuchten-Straßen erstellt. Einzeln ist aufgelistet, was wir als erhaltenswert einstufen. Der Verein ProGaslicht sucht das sachliche Gespräch zum Landesdenkmalrat, um die Industriekultur „Gas-Beleuchtung“ auch in Berlin unter Schutz zu stellen. In der Diskussion steht dazu eben auch diese Liste über die Gas-Reihenleuchten. Bisher begnügt sich das Landesdenkmalamt mit der Festsetzung der Form der Leuchte. Wir fordern auch die Festlegung der Lichtfarbe und der Technik als Zeugnis der europäischen Industrialisierung. Dies soll nicht nur die typische Berliner „Schinkellleuchte“ umfassen, sondern auch die Reihenleuchtenform als Industriedesign des „Nierentisch-zeitalters“. Eine kleine Auswahl dort aufgeführter Straßen möchten wir Ihnen hier in verkürzter Form vorstellen (die Liste enthält noch Angaben zur Anzahl der Maste und Länge des betroffenen Straßenzuges sowie der dort gefahrenen Geschwindigkeit): |
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Zusammenfassung: Einen klaren Grund für die Umrüstung der Gas-Reihenleuchten gibt es nicht. Die Beleuchtungsinstallation ist im guten Zustand und man braucht in absehbarer Zeit keine großen Investitionen zu befürchten. Wie in den Ausgaben „Der Zündfunke“ Februar und März 2009 unter dem Titel „Nur Gas teurer? Das Märchen von billigen Stromanbietern“ ausführlich anhand der Haushaltszahlen 2007 und 2008 dargestellt, schneidet die Gasbeleuchtung in der Wirtschaftlichkeit gar nicht so schlecht ab, wie von der Senatsverwaltung dargestellt wird. Die Investition von voraussichtlich 29,5 Mio. Euro rechtfertigt bei vernünftiger Betrachtung des Themas wohl kaum den Umbau von 8.400 Gas-Reihenleuchten in Berlin. Die Gas-Reihenleuchten stellen mit ihrem Design eine erhaltenswerte industrielle Gestaltungsform der nur kurzen Epoche der „Nierentischzeit“ im
Nachkriegs-Deutschland dar. Sie haben den öffentlichen Raum maßgeblich seit mehr als 50 Jahren geprägt. Unerklärlich, wieso diese für Berlin landestypische Geschichtsspur mit regionaler Identität gegen nichtssagende neue
Laternenformen ersetzt werden soll. Wir möchten auch gleich vorwegnehmen: Stromkabel und Schalttechnik lassen sich nicht einfach in bestehende Gaslaternen-Maste einbauen, ebenso kann man Gasleuchten nicht
einfach für den Betrieb mit elektrischer Energie umrüsten. Mangels Schutz gegen Feuchtigkeit würden diese nach kurzer Zeit korrodieren. Die stilvollen Silbertropfen gibt es wirklich nur mit Gaslicht!
Schauen Sie mal genauer hin: Auf die Berliner Gas-Reihenleuchten über den Straßen von Berlin. Die Aufnahme einer Gasreihenleuchte des Typs U13H im Berliner Gaslaternen-Museum am S-Bhf. Tiergarten wird von uns für
absolut wünschenswert gehalten. Gespräche darüber fanden bereits statt. Wenn auch Sie sich für den Erhalt der Berliner Gasbeleuchtung einsetzen möchten, schreiben Sie uns oder besuchen Sie unsere Webseite www.progaslicht.de Dort finden Sie auch ein Diskussionsforum, wo Fragen zum Thema oder Meinungen niedergeschrieben werden können. Wir suchen für den Verein noch tatkräftige Unterstützer für unsere Aktionen im Sommer dieses Jahres. Text und Bilder: M. Jurziczek von Lisone, Zeichnung: Sammlung www.berliner-verkehrsseiten.de |
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4/2008 Erstellt von den Berliner Verkehrsseiten für ProGaslicht e.V. |
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