ProGasLicht 

ProGaslicht e.V.

Verein zur Erhaltung und Förderung des Gaslichts als Kulturgut

 

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Der „ewige" Konkurrenzkampf GASBELEUCHTUNG vs. ELEKTROBELEUCHTUNG

In Heft 6/2008 der Zeitschrift „LICHT" erschien ein Aufsatz von Prof. Dr. Peter Marx zum Thema „Gaslicht in der Straßenbeleuchtung - Gasbetriebene Straßenleuchten sind elektrischer Beleuchtung wirtschaftlich unterlegen". Wir möchten an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, zu diesen Ausführungen dezidiert Stellung zu beziehen. Dazu gehört auch, einige Darstellungen richtig zu stellen. Im Ergebnis werden wir verdeutlichen, dass es sinnvoll und notwendig ist, die Gasstraßenbeleuchtung zu erhalten.

Schon in der Einleitung seines Textes bringt Marx seine Ausführungen mit der These, dass der Betrieb von Gasbeleuchtungsanlagen eine der unwirtschaftlichsten Methoden der Straßenbeleuchtung ist, auf den Punkt. Eine Gaslaterne sei 20 mal teurer als eine Elektroleuchte. Diese Zahl findet sich immer wieder und geistert regelrecht durch die Presse und das Internet. Politiker, Verwaltungsmitarbeiter und Stromlobbyisten verwenden diese Zahl als „Totschlagargument" gegen das Betreiben von Gaslaternen. Tatsächlich liegen die Zahlen zur Bewirtschaftung, also den Wartungs- und Instandhaltungs-, sowie den Energiekosten weit darunter. Man kann bei seriöser Berechnung von einer 2 bis 2 ½  mal teureren Gasleuchte in Relation zur Stromleuchte ausgehen. Zahlen aus dem Berliner Landeshaushalt belegen dies. Es bedarf dazu lediglich einer Gegenüberstellung der tatsächlich angefallenen Kosten nach jeweiliger Energieart zur Anzahl der dazu gehörenden Straßenleuchten. Mehr Rechenkunststücke sind nicht notwendig.

Unbestritten ist selbstverständlich auch, dass durch Gas erzeugtes Licht nicht an die Helligkeit von elektrisch erzeugtem Licht heranreicht. Aber brauchen wir das im konkreten Fall wirklich? Ist es tatsächlich erforderlich, zahlreiche Wohnstraßen Berlins „taghell" zu beleuchten? Es macht doch keinen Sinn, Nebenstraßen unnötig stark zu erhellen. Der Wohnwert wird von solchen „Lichtorgien" jedenfalls gerade nicht erhöht. Vielmehr sehnt sich eine Mehrheit der Berliner Bevölkerung doch eher nach Ruhe und Geborgenheit, nach einer qualitätsvollen Beleuchtung ihres Umfeldes. Genau dies erfüllt die Berliner Gasstraßenbeleuchtung mit ihren 44.000 „Ruhepolen". die einen Kontrast zur ansonsten hektischen Hauptstadt bilden. Die Elektroindustrie hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Qualität ihrer Beleuchtung zu verbessern, um an das unübertroffene Gaslicht heranzukommen. Bisher waren diese Mühen vergebens. 

Richtig ist, dass in Europa und Übersee etwa 80.000, davon in Deutschland ca. 75.000 und in Berlin rund 44.000 Gasleuchten in Betrieb sind. Die Berliner Gasbeleuchtung weist in der Tat hinsichtlich der Kandelaber und Leuchten eine erstaunliche Langlebigkeit aus. Über 1.000 Gusskandelaber stammen noch aus der Zeit, als die englische Gasgesellschaft „Imperial Continental Gas Association" Berlin mit Gas versorgte. Das Kürzel „I.C.G.A." auf den Sockeln dieser Gusskandelaber ist Beleg dieser langen Vergangenheit. Sie sind weit über 100 Jahre alt. Es gibt also auch hier durchaus „in die Jahre gekommene Exemplare".

Aber was sagt uns das? Es beweist einmal mehr die erstaunliche Langlebigkeit von Gaskandelabern und Gasleuchten, sie scheinen hinsichtlich Korrosion und Standfestigkeit sowie Materialermüdung ihren „elektrisch betriebenen Pendants" weit überlegen zu sein. Professor Marx dreht aber einfach den Spieß um und versucht, das teilweise hohe Alter der Gasleuchten als Negativum auszulegen, um letztendlich der Demontage das Wort zu reden. Natürlich sind der Industrie langlebige Produkte in gewisser Weise „ein Dorn im Auge", denn sie stehen ihren ureigenen Geschäftsinteressen, also der Produktion und dem Absatz neuer (Strom-)Leuchten im Wege. Hier prallen also ganz zwangsläufig 2 konträre Interessenlagen aufeinander: Zum einen der Wunsch der öffentlichen Hand nach robusten, langlebigen Leuchten, zum anderen die wirtschaftlichen Vorstellungen der Beleuchtungsindustrie, stetig neue Produkte zu entwickeln und auf dem Markt anzubieten.  
Gänzlich außer Acht lässt Professor Marx bei seinen Ausführungen, dass etwa die Hälfte der Berliner Gaslaternen mit hochmoderner Technik ausgestattet ist. Gerade in Berlin mit seinen flächendeckend vorhandenen Gasleuchten war es möglich, sich seit einigen Jahren auf dem Gebiet der Gasbeleuchtungstechnik innovativ weiter zu entwickeln. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Hochmoderne programmierbare Schaltgeräte, sowie Zündmechanismen, die mittels Solarzellen betrieben werden. Diese wurden und werden in die Gasleuchten eingebaut. „High-Tech" in historischen Gehäusen. Die neue Generation der Schaltgeräte sorgt für einen signifikanten Rückgang der Störungsquote bei den gasbetriebenen Straßenleuchten.

Im übrigen hat sich die innovative Entwicklung bei der Gasbeleuchtungstechnik auch im benachbarten Ausland herumgesprochen. So zeigen sich Verantwortliche aus Warschau und Prag an den in Berlin entwickelten Produkten sehr interessiert. Die Hauptstadt Tschechiens geht inzwischen dazu über, ihrem Titel als „Goldene Stadt" auch lichttechnisch gerecht zu werden. Seit einigen Jahren ist man dazu übergegangen, die Altstadt sukzessive zu „gasifizieren". Noch in den 80er Jahren erlosch Prags seinerzeit letzte Gaslaterne. Inzwischen werden Straßen und Plätze mit Gaslaternen bestückt, die elektrischen Beleuchtungen entfernt. Ein neuer Gaslaternentyp wurde entwickelt. Die Zahl neu aufgestellter Gaslaternen stieg auf 350 an und wird schon in Kürze bei 500 liegen. Weitere Straßen und Plätze werden folgen. Ein absoluter Anachronismus ist es, wenn Gasbeleuchtungstechnik und entsptechendes „Know-how" aus Berlin im Ausland nachgefragt werden, in Berlin selbst seitens Verantwortlicher aber als „Auslaufmodell" angesehen werden. Ein geradezu groteskes Verhalten!  

Gleichzeitig ist die in einem festgelegten Intervall durchgeführte Wartung sowie eine nachhaltige Instandsetzung bei notwendigen Reparaturmaßnahmen ein Garant für das durchweg gepflegtes Erscheinungsbild der Berliner Gasstraßenbeleuchtung. Dies kann man mit Fug und Recht von den 176.000 elektrisch betriebenen Straßenleuchten nicht behaupten. Dort werden Mängel wie angefahrene Maste oder defekte Leuchten mitunter auch nach Jahren nicht behoben. Für Jedermann sichtbare „Zeugen" wird man überall in der Hauptstadt finden. Von offen stehenden Mastklappen und lose heraushängenden Kabeln über durchrostete Leuchten bis zu Lampenschalen, in denen zentimeterhoch Regenwasser steht! Experten sprechen von einem dringenden Instandsetzungs- und Investitionsbedarf von mindestens 60 Millionen Euro bei der elektrischen Straßenbeleuchtung von Berlin, da allein über 40.000 Lichtmaste ersetzt werden müssten, von Tausenden maroder Leuchtkörper, der veralteten Tonfrequenzrundsteuerung und etlichen Straßen mit provi
sorischer oder gänzlich fehlender Beleuchtung ganz zu schweigen.

Völlig daneben liegt Marx mit seiner Aussage, dass „nach dem Willen des Beleuchtungsmanagers NUON Stadtlicht GmbH und dem Bezirksamt Mitte, die für die übrig gebliebenen 43.908 öffentlichen Gaslaternen in Berlin zuständig sind, diese in den nächsten zwei Jahren abgeschafft werden sollen." Mit Verlaub: Das Bezirksamt Mitte ist seit Ende 2005 gar nicht mehr für die öffentliche Straßenbeleuchtung zuständig, unter anderem auch deshalb, weil man sich wenig sachkundig zeigte und es sogar fertig brachte, mehrere Millionen Euro, die dem Land Berlin aus Erstattung der Erdgassteuer zugestanden hätte, nicht von den Finanzbehörden zurück zu verlangen. Dass Gasbeleuchtung von der sogenannten Erdgassteuer befreit ist, hatte sich bis dato nicht bis zum Bezirksamt Mitte herumgesprochen. Dem Land Berlin gingen einige Millionen ¥ verloren. Leider gar nicht erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass kein Verantwortlicher für dieses finanzielle Desaster zur Verantwortung gezogen wurde.

Seit Anfang 2006 ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wieder für die öffentliche Straßenbeleuchtung zuständig, dies ist Prof. Dr. Marx offenbar entgangen. Auch die angegebenen 50 bis 70 Millionen Euro Kosten für die Umrüstung haben sich zwischenzeitlich längst überholt. Geht man von den eingebrachten Zahlen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aus, muss für die Umrüstung pro Leuchte mit etwa 3.000 Euro gerechnet werden. Das macht bei 44.000 Leuchten schon mal 132 Millionen Euro. Unklar bleibt allerdings, welche Positionen in den veranschlagten 3.000 Euro Umrüstungskosten enthalten sind. Gehören alle Grabungsarbeiten dazu? Was ist mit den stillgelegten Gaszuleitungen, die vom Hauptgasrohr abgehen und zur Gaslaterne führen, nach gesetzlichen Regelungen aber entfernt werden müssen?

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass man in dieser Angelegenheit an anderen Orten zu noch weitaus höheren Kosten kommt. So veranschlagt man in Frankfurt am Main die Umrüstungskosten pro Straßenleuchte mit astronomischen 8.000 Euro.

Außer Acht wird z.B. gelassen, dass bei einer „Umrüstung" von Gas- auf Strombeleuchtung regelmäßig mit einer nachträglichen Verdichtung gerechnet werden muss. Bei der Demontage der Gasbeleuchtung fällt deren Bestandsschutz weg. Die entsprechende EU-Norm DIN EN 13 201 (vormals DIN 5044) zur öffentlichen Beleuchtung sieht inzwischen dichtere Leuchtenabstände vor. Einschlägig ist hier der Faktor 1: 1,3, das heißt, als Ersatz für eine Gasleuchte wären 1,3 Elektroleuchten anzusetzen. Die Zahl von 44.000 zu demontierenden Gasleuchten erhöht sich damit auf etwa 57.000 neu zu stellende Elektroleuchten. Dadurch werden auch die Umrüstungskosten weiter steigen. Berücksichtigt man jetzt noch den Zeitfaktor, denn 44.000 Leuchten werden nur über einen längeren Zeitraum zu ersetzen sein, und geht man davon aus, dass Zinsen anfallen, weil eine solche Investitionssumme nicht mal eben aus dem „Landessparstrumpf" finanziert werden kann, so sehen wir die Kosten für dieses gigantische Projekt geradezu in die Höhe schießen.

Da bei öffentlichen Bauvorhaben ohnehin so gut wie immer eine spätere Kostenexplosion eintritt, wagen wir uns nicht vorzustellen, was noch auf den Steuerzahler zu kommt. All dies aber spricht ganz eindeutig dafür, dass sich ein Abriss von 44.000 Gaslaternen und ein Neubau elektrischer Beleuchtung als Ersatz niemals rechnen wird. Die Investitionskosten werden sich nicht amortisieren, nicht in 10 und auch nicht in 100 Jahren. Experten haben vor einigen Jahren festgestellt, dass sich auf der Basis damals vorliegender Zahlen (die sich inzwischen längst überholt haben) bei einer jährlichen Einsparsumme von 3,75 Millionen Euro und einem angenommen Zins von 3,9 % eine Investition von 95 Millionen Euro erst nach 116 Jahren rechnen würde. Bis dahin hätte das Land Berlin respektive der Steuerzahler über 433 Millionen Euro an Zinsen und Tilgung aus den Einsparbeträgen zahlen müssen (nur Zinsen 338 Millionen Euro). Unter dem Strich eine einzigartige „Milchmädchenrechnung".

Auch die von Marx getroffene Aussage, Gasglühstrümpfe dürften wegen ihrer schwachen Radioaktivität nicht nach Deutschland eingeführt werden,  ist absolut falsch. Nach Meinung von Sachverständigen und hierfür erstellter Gutachten sind die benötigten Gasglühkörper unbedenklich und einer Einfuhr steht absolut nichts im Wege. Entsprechende Einfuhrgenehmigungen liegen vor. Niemals hat je eine Gesundheitsbehörde hinsichtlich des Gebrauchs von Gasglühkörpern Alarm geschlagen.

Interessant sind die Ausführungen von Marx zu Beleuchtung und Unfallgeschehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass die potentielle Unfallgefahr bei Dunkelheit größer ist als am Tage. Daraus jedoch einen Zusammenhang zu konstruieren zwischen einer möglicherweise nicht ausreichend hellen Gasbeleuchtung und der Häufigkeit von Unfällen, ist geradezu absurd. Jede Statistik wird belegen, dass mögliche Unfallschwerpunkte wohl eher in (elektrisch beleuchteten) Hauptstraßen oder (unbeleuchteten) Autobahnen oder Landstraßen anzutreffen sind. Die Anzahl von Unfällen in gasbeleuchteten Straßen dürfte wohl relativ unbedeutend sein. Auch das liegt klar auf der Hand, spielt sich doch der nächtliche Verkehr eher auf Hauptstraßen ab.

Gänzlich aus der Luft gegriffen erscheinen die Aussagen zur Kriminalität. Hier suggeriert Marx, dass der geneigte Anwohner in einer gasbeleuchteten (und daher selbstverständlich zu dunklen) Straße Unwesen treibenden Räubern, Sexualstraftätern oder Einbrechern eher ausgeliefert sei als in elektrisch beleuchteten (und natürlich helleren) Gebieten. Gaslicht = Dunkel = Angst! Elektrolicht = Hell = Sicherheit! Eine absurde These. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass sich ein vermeintlich Krimineller in erster Linie von der Straßenbeleuchtung leiten lässt. Es kommt wohl immer auf die jeweilige Situation, das potentielle Opfer oder den möglichen Ort einer verbrecherischen Handlung an und dies völlig unabhängig von Gas- oder Elektrobeleuchtung. Offensichtlich hat sich Professor Marx hier von Gruselgeschichten aus längst vergangenen Tagen inspirieren lassen. Gottlob sind die Zeiten von „Jack the Ripper", der von August bis November 1888 im Londoner Nebel und dem seinerzeit noch etwas fahlen Licht der Gaslaternen - damals noch mit offenen Flammen, Glühkörper gab es noch nicht - sein meuchelmörderisches Unwesen trieb, lange vorbei.

Selbstverständlich ist auch ein in der Bevölkerung weit verbreitetes Angstgefühl vor Belästigungen, Pöbeleien und Überfällen durchaus Ernst zu nehmen, ein immer häufiger auftretendes gesamtgesellschaftliches Problem. Das soll hier keinesfalls in Abrede gestellt werden. Was allerdings die Gefahr möglicher aggressiver Übergriffe angeht,  so scheint es doch wohl so zu sein, dass Gaslicht durch seinen natürlichen „Behaglichkeitsfaktor" eher beruhigend auf Täter wirken könnte als „kaltes" Elektrolicht. Aus Reihen der Düsseldorfer Polizei (Düsseldorf ist mit 17.000 Gaslaternen ebenfalls eine Gaslicht-Hochburg) war die Auffassung zu vernehmen, Gaslicht sei im Gegensatz zu Elektrolicht sogar eher aggressionsabbauend.

Wenden wir uns jetzt den Gedanken von Marx zum Umwelt- und Naturschutz zu. Er reduziert hier seine Ausführungen allein auf die Problematik „strahlender" Rückstände und geht lediglich auf die schwache Radioaktivität der Glühkörper, sowie den Kohlendioxid- und Methanausstoß ein, ohne dies allerdings in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Tatsache ist, dass der CO²-Ausstoß aller 44.000 Berliner Gaslaternen gerade einmal  0,17 % des Berliner Gesamt-CO²-Ausstoßes beträgt. Oder anders ausgedrückt: Der jährliche CO²-Ausstoß von 4.000 Bundesbürgern entspricht dem jährlichen CO²-Ausstoß der Berliner Gasbeleuchtung. Tatsächliche Hauptübeltäter beim Kohlendioxidausstoß sind die sogenannten Kleinverbraucherhaushalte, ihr Anteil beträgt etwa 66 % des Gesamtausstoßes, es folgt der Verkehr mit knapp 23 % und die Industrie mit 11 %, hiervon entfällt der „winzige Rest" von 0,17 % auf die Gasstraßenbeleuchtung. Hier also zu behaupten, mit der Abschaffung von Gasstraßenleuchten würde ein erheblicher Beitrag zur Verringerung des CO²-Ausstoßes geleistet, ist völlig absurd. Ganz davon abgesehen, dass reichlich CO²-Emissionen durch Bautätigkeiten wie das notwendige Aufreißen von Straßen und Gehwegen und das Austauschen von Gas- durch Stromleuchten anfallen.

Bei all den Diskussionen um CO²-Ausstöße lässt Marx wie auch die von ihm leidenschaftlich unterstützte Elektrobeleuchtungsindustrie einen gravierenden Punkt außer Acht: Die Tatsache, dass die Verwendung der Energieart, ob Gas oder Strom, nicht erst ab Inbetriebnahme der jeweiligen Leuchte zu berücksichtigen ist, sondern bereits ab Herkunft der Energie. Während Gas direkt aus der Erde gewonnen wird, muss Strom in Kraftwerken verschiedenster Art hergestellt werden, und das mit Unmengen von CO²-Emissionen und anderen Umweltbelastungen. Da stellt sich dann schnell heraus, dass die Energiebilanz von Stromleuchten bezogen auf den CO²-Ausstoß weitaus schlechter ausfällt als die der gasbetriebenen Leuchten. So relativiert sich eben alles.

Gas ist ein hundertprozentiges Naturprodukt. Der Energieträger Gas, die Leuchtmittel und die Anlagen sind nachhaltig und können wiederverwertet werden. Es müssen keine Kraftwerke der verschiedensten Couleur errichtet werden, um Gas zu erzeugen. Dies wird gerne unterschlagen, denn Kraftwerke sind grundsätzlich Energiefresser und mit ihren Immissionen auch Klimakiller. Beispielsweise ist eine Kilowattstunde aus Erdgas gewonnene Energie noch nicht einmal halb so schädlich für das Klima als eine aus Stein- oder gar Braunkohle gewonnene Kilowattstunde. Unverständlich ist, dass Professor Marx in seinen Ausführungen zur Erdgasgewinnung u.a. von Bohrinseln spricht, die etwa 28.000 t CO² pro Tag abgeben würden. Ihm scheint entgangen zu sein, dass das nach Berlin gelieferte Erdgas in Russland gewonnen und nach Deutschland gepumpt wird.

Auch die immer wieder und bisweilen bis zur Panikmache hochgespielte Radioaktivität von Glühkörpern entpuppt sich  letztendlich als Rohrkrepierer. Die abgegebene Strahlung eines  Kilos Kaffee liegt bei 1.000 Bequerel, die eines Glühkörpers bei 750 Bequerel. Radioaktive Strahlung ist überall: In uns allen, in der Milch, die wir trinken, in den Nahrungsmitteln, die wir verzehren. Ein erwachsener Mensch hat beispielsweise durch seine Nahrungsaufnahme und seine natürliche Eigenstrahlung eine Strahlungsaktivität von etwa 10.000 Bequerel. Gleichwohl werden die abgebrannten Reste der Glühstrümpfe mit vergleichsweise geringem Aufwand fachgerecht entsorgt.

Seltsamerweise machen sich die Befürworter der elektrischen Straßenbeleuchtung aber keine Gedanken  zu den umweltbelastenden Rückständen der Stromleuchten, allen voran den Giftstoffen und dem sogenannten Elektroschrott. Es fallen z.B. bei der Entsorgung von Natriumdampf- und Quecksilberdampflampen, gasgefüllten Leuchtstoffröhren und besonderen Beschichtungen in den Leuchten Rückstände an, die mit viel Energieverbrauch kostspielig recycelt werden müssen.

Mit nichts belegt sind die angeblich durch undichte Gasleitungen entweichenden 700.000 m³ Methan. Experten gehen hier lediglich von etwa 16.000 m³ Methan pro Jahr aus. In Berlin sind in den letzten Jahren über 20.000 Gasleuchten modernisiert worden. Sie sind mit einer Zündautomatik ausgerüstet, die einen nicht beabsichtigten Austritt des Gases verhindert. Auch bei den mit Zündflammen ausgestatteten Gasleuchten kann kein Gas entweichen. Damit sind schon etwa 24.000 Gasleuchten außen vor. Betrachtet man die auftretenden Störfälle und legt eine Störquote von 4 % pro Tag bei den verbleibenden 20.000 Gasleuchten zugrunde,  so ist bei etwa 2/3 aller 800 Fälle ebenfalls kein unbeabsichtigtes Entweichen von Gas möglich. Bei diesen Störungen handelt es sich zum Beispiel um defekte Batterien, Kondensatoren oder Widerstände, korrodierte Schaltplatinen usw. Lediglich in Fällen „ausgeblasener" Gasleuchten oder bei heruntergefallenen Glühkörpern kann tatsächlich ungewollt Gas austreten, dies sind aber nur schätzungsweise 250 bis 300 Gasleuchten.

Bei einer möglichen flächendeckenden Demontage der Gasbeleuchtung werden uns aber noch weitere Probleme Kopfzerbrechen bereiten. Zahlreiche Gaslaternen befinden sich in sogenannten „grünen" Bezirken. Sie stehen dort seit Jahrzehnten und häufig in der Nähe von Straßenbäumen. Will man mutwillig und ohne Not riskieren, zahlreiche Baumwurzeln zu beschädigen? In der Endkonsequenz wird nicht nur der Beleuchtungscharakter vernichtet, sondern gleich noch etliche Bäume dazu.

Gänzlich unbeachtet bleibt bei Professor Dr. Marx der Tierschutz.  Marx präferiert offenbar weißes Elektrolicht, dies ist aus Gründen des Naturschutzes schlichtweg eine Katastrophe. Gerade in den „grünen" Bezirken Berlins finden sich Tausende von Gaslaternen, die den Anwohnern ein gefälliges und angenehmes Licht bringen, für nachtaktive Insekten aber weitgehend völlig ungefährlich sind. Die Kleinstlebewesen werden vom Gaslicht nicht angezogen. Gaslicht hat im Gegensatz zu elektrischem Licht kein UV- und so gut wie kein Blauspektrum. Elektrische Beleuchtung hingegen lockt Insekten zu Millionen an. Sie gehen an diesem Kunstlicht elend zugrunde. Das hat zur Konsequenz, dass andere Tiere wie beispielsweise Vögel, aber auch andere Kleinlebewesen, keine ausreichende Nahrung mehr finden. Schon jetzt gilt der „gemeine Spatz" als stark gefährdet. Wenn eines Tages das vertraute Vogelzwitschern verstummt ist, wird es für eine Umkehr zu spät sein. Die zunehmende Lichtverschmutzung ist ohnehin jedem Naturschützer ein Dorn im Auge.

Es wird ein Geheimnis bleiben, was Prof. Dr. Marx unter einer „erhöhten psychologischen Blendung der Verkehrsteilnehmer durch die hellen punktförmigen Glühstrümpfe" versteht. Gerade die Gasleuchten zeichnen sich nach einhelliger Meinung von Lichtexperten durch ihre Blendfreiheit aus. Gaslicht erscheint natürlich und gibt Farben so wieder, wie sie tatsächlich sind. Wer grelle und blendende Straßenleuchten sehen will, dem sei empfohlen, einen Spaziergang durch Berlin-Mitte zu unternehmen. Die sich dort ständig weiter ausbreitende sogenannte elektrische „Friedrichstadtleuchte" ist geradezu ein Beispiel für Straßenbeleuchtung, wie sie nicht sein sollte. Abgesehen von ständigen Störungen und Ausfällen hat dieser Leuchtentyp die Eigenschaft, regelrecht penetrant zu blenden. Aus städtebaulichen Gründen bezogen auf Berlin sind diese Elektroleuchten ohnehin eine geschmackliche Katastrophe und haben überhaupt keinen historischen Bezug zur Stadt.
 
FAZIT:

Die Ausführungen des Herrn Prof. Dr. Marx sind insgesamt als befremdlich anzusehen. Befremdlich deshalb, weil hier nicht nur mit schlichtweg falschen Fakten gearbeitet wird. Vielmehr werden daraus absurde Schlussfolgerungen gezogen, die geeignet sind, Herrn Prof. Dr. Marx als einen unverblümt und aggressiv auftretenden Lobbyisten der Elektroindustrie erscheinen zu lassen. Schließlich ist Marx seit 1996 Mitglied des Aufsichtsrates der renommierten Berliner Firma Semperlux AG Lichttechnische Werke und dessen stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Se'lux als anerkannter Leuchtenhersteller hat ein natürliches Interesse am Erschließen neuer Märkte wie z.B. der vollständigen Elektrifizierung der Berliner öffentlichen Beleuchtung.

Es ist schon abenteuerlich und geradezu dreist, die verantwortliche Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und andere öffentliche Stellen zu „beraten", die Gasbeleuchtung einserseits völlig zu diskreditieren, um andererseits als Ergebnis Elektrroleuchtenhersteller wie Semperlux „ganz nebenbei" zu empfehlen. So ein unverblümter Lobbyismus ist uns noch selten untergekommen. Und die Senatsverwaltung lässt sich auch noch vor diesen „Lobby-Karren" spannen. So war es schon erstaunlich, dass die Staatssekretärin Maria Krautzberger im April 2008 auf einer Sitzung des Koalitionsausschusses davon sprach, nun „einen Professor Marx als Experten entdeckt zu haben", der die Verwaltung sachkundig beraten könne. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Marx seit über 20 Jahren beratendene Tätigkeiten für SenStadt ausübt.

Eigentümlich erscheint auch, dass sich Ausführungen von Prof. Dr. Marx wortgleich zum einen auf der Internetseite von Wikipedia zu den Begriffen „Gasbeleuchtung" und „Glühstrumpf" und zum anderen auf der Homepage von „strassenlicht.de" wiederfinden. Aber vielleicht ist Marx auch der für die Öffentlichkeit unbekannte Autor dieser Internet-Seiten, die gleichfalls mit falschen Fakten und Behauptungen durchsetzt sind. Die Kardinalfrage lautet: Wer hat hier von wem abgeschrieben?

Und noch etwas gravierendes bleibt bei Professor Marx unerwähnt: Die weitere Entwicklung von Leuchtdioden (LED's) für die Verwendung in der öffentlichen Straßenbeleuchtung. Auch aus den Reihen namhafter Lichtforscher werden deutliche Zweifel darüber geäußert, ob es zum derzeitigen Zeitpunkt sinnvoll ist, weiter in die bestehende elektrische Beleuchtung zu investieren oder damit lieber noch 2 bis 3 Jahre zu warten, bis auch für die Straßenbeleuchtung geeignete Hochleistungs-LED's zur Verfügung stehen. Schon jetzt ist absehbar, dass allein in Deutschland etwa 50 % aller bisher in Betrieb befindlichen „herkömmlichen" Elektroleuchten ersetzt werden müssen. Hier wird die Beleuchtungsindustrie jede Menge an Betätigung haben.

Außergewöhnlich scheinen auch solche Einlassungen von Marx wie die, dass in „40 Städten jede Nacht das Gaslicht brenne" oder dass ein Glühstrumpf, auch „Gasstrumpf"(?) genannt, „durch Aufheizen in einer Gasflamme zum Leuchten angeregt wird". Sprachlich zumindest ungewöhnliche Konstrukte.

Dass Professor Marx vorrangig wirtschaftliche Gründe für einen Abriss der Berliner Gasstraßenbeleuchtung ins Feld führt, ist nicht zuletzt aufgrund seines bereits an anderer Stelle genannten Engagements für die Berliner Elektrobeleuchtungsindustrie nur zu verständlich. Dabei nimmt er bewusst in Kauf, dass ein in dieser Art weltweit einzigartiges Kulturgut, ein absolutes Berlintypisches Kuriosum durch die Demontage unwiederbringlich verloren geht.

Aufgrund der Verbindungen des Professor Marx mit der Berliner Beleuchtungsindustrie, seiner unverhohlenen Lobbyarbeit, aber auch seiner inhaltlichen Ausführungen bis hin zum wortgleichen Übernehmen von Texten aus dem Internet  halten wir Herrn Professor Marx und seine Ausführungen für nicht seriös. Eine weitergehende Beschäftigung mit seinen Thesen erscheint absolut überflüssig.

Die Verantwortlichen in Berlin, Politiker ebenso wie Verwaltungsmitarbeiter, müssen begreifen, dass die Berliner Gasbeleuchtung mit ihren Leuchten und Kandelabern ebenso eine absolute Besonderheit darstellt wie diverse andere Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt. Anstelle eines Abrisses muss über eine dauerhafte Sicherung als technisch-industrielles Flächendenkmal nachgedacht werden. Ebenso gilt es, über ein gezieltes Stadtmarketing mit diesem kulturellen Erbe Berlin zu bewerben. Berlins Gaslaternen als Werbeträger für eine Stadt ("Gasopolis"), die sich schon immer als Zentrum technischer Errungenschaften, vor allem aber auch als innovativer Standort für die Erzeugung von Kunstlicht verstanden hat.

Bettina Grimm
September 2008

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4/2008 Erstellt von den Berliner Verkehrsseiten für ProGaslicht